LRS und Fremdsprachen

 
Eine Lese/Rechtschreibschwäche (LRS) im Sinne einer Teilleistungsstörung tritt in allen bisher untersuchten Schriftsprachen auf. Unklar ist, ob die Häufigkeit in den Sprachen vergleichbar ist und ob unterschiedliche Ausprägungen vom Sprachsystem oder vielmehr von der kulturellen Tradition und dem Bildungssystem abhängen.

In den alphabetischen Sprachen, zu denen die europäischen zählen und in denen die Buchstaben stellvertretend für Laute stehen, stellt das Heraushören von Lauten und deren Zuordnung zu den Buchstaben eine wesentliche Voraussetzung dar. Für Kinder mit einer LRS sind grundlegende Defizite in der Lautverarbeitung typisch. Da diese auch Voraussetzung für andere alphabetische Sprachen ist, entwickeln Kinder mit einer LRS oft auch in den Fremdsprachen eine Schwäche. Die Existenz einer 'Fremdsprachen-LRS' ohne Schwächen in der Muttersprache ist daher unwahrscheinlich.

Probleme beim Erlernen von Fremdsprachen können das Lesen, die Rechtschreibung und die Grammatik betreffen. Es gibt ebenso wie in Deutsch auch in den Fremdsprachen keine typischen LRS-Fehler. Die Fehler, die von Kindern mit einer LRS gemacht werden, treten jedoch auch in den Fremdsprachen viel häufiger und wesentlich länger auf. LRS-Kinder sind so mit dem Problem konfrontiert, dass trotz normaler Leistungen in 'nicht-sprachlichen' Fächern nun auch die Fremdsprache zur Belastung wird und angestrebte Bildungsabschlüsse deshalb möglicherweise nicht erreicht werden.

Bei Kindern mit einer anderen Muttersprache stellt sich die Frage, ob Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen auf einer LRS als Teilleistungsstörung beruhen oder eher durch unzureichenden Kontakt mit der deutschen Sprache als Zweitsprache zustande kommen. Zur Abgrenzung fehlen bisher solide diagnostische Verfahren. Treten in der Zweitsprache Probleme beim Lesen und Schreiben auf, obwohl ein Kind seine Muttersprache gut beherrscht, dann ist eher von einer zu geringen Übung auszugehen als von einer spezifischen Störung.

In der Grundschule lernen Kinder in NRW Englisch. In der Sekundarstufe I stellt sich die Frage, welche weitere Fremdsprache für Kinder mit einer LRS besonders geeignet sei. Trotz der Bedeutung dieser Frage liegen dazu bislang keine wissenschaftlichen Studien als Entscheidungshilfe vor. Fremdsprachen stellen unterschiedliche Anforderungen an lese/rechtschreibschwache Kinder:

  • Englisch: Die Vielfalt der möglichen Zuordnungen von Lauten und Buchstaben ist hier besonders ausgeprägt und verwirrend für Kinder mit einer LRS.
  • Französisch: Eine hohe Anzahl nicht lautgetreuer Schreibweisen kommt vor. Problematisch ist die Häufigkeit ähnlich klingender Laute, die für Kinder mit einer LRS schwer zu unterscheiden sind.
  • Latein: Eine sehr lautgetreue Sprache; sie erfordert jedoch eine sehr genaue Lesefähigkeit, da sich die Bedeutungen durch wenige Buchstaben entscheidend verändern können. Erschwerend: kaum Kommunikationssituationen.

Entsprechend gibt es nicht 'die' Fremdsprache für Kinder mit einer LRS. Die Entscheidung richtet sich nach den individuellen Fehlerschwerpunkten eines Kindes und seinen Stärken und Schwächen. Auch pragmatische Gründe wie der angestrebte Schulabschluss oder die Berufswahl spielen eine Rolle bei der Wahl der Fremdsprache.

Derzeit zeichnen sich in der Praxis zunehmend Möglichkeiten ab, Kinder mit einer LRS beim Fremdsprachenerwerb - insbesondere im Englischen - zu fördern. So stehen mittlerweile spezifische Materialen zur Verfügung, in denen über Fehleranalysen die besonderen Probleme von Kindern mit einer LRS in Englisch aufgegriffen und auf professionellem Niveau gefördert werden können.